Aparigraha oder die Kunst des Loslassens

Ein Aspekt aus den Yogasutren, den ich mir insbesondere zum Jahreswechsel immer wieder gerne vor Augen führe, ist aparigraha. Dieses Prinzip ist eines der 5 Yamas, der Verhaltensgebote aus dem achtgliedrigen Yogapfad nach Patanjali, die einen guten Umgang mit unserer Umwelt definieren. 

Aparigraha bedeutet soviel wie Nicht-Horten. Es meint damit einerseits das Nicht-Anhäufen von materiellem Besitz, aber eben auch das Loslassen im Geist. Einfach ausgedrückt hat der weise Patanjali, der etwa 400 Jahre vor Christus mit seinen Sutren eines der wichtigsten Werke für uns Yogis und Yoginis verfasst hat, uns geraten „regelmäßig auszumisten“. 

Schau dir doch vor deinem inneren Auge mal dein Zimmer oder deine Wohnung, vielleicht auch dein Dachboden, Keller oder deine Garage an. Gibt es dort auch so einiges was die meiste Zeit (oder gar schon immer) unangetastet herumsteht, verstaubt oder gar in Kisten gestapelt darauf wartet irgendwann das Tageslicht zu erblicken? Und was davon brauchst du wirklich? Was davon kannst du aussortieren, was davon spenden oder verschenken? Ich beispielsweise habe unter anderem den Jahreswechsel genutzt, um in einigen Ecken auszumisten, Dinge auszusortieren und wegzugeben, bewusst loszulassen. Ein befreiendes Gefühl! 

Genauso wichtig ist es, Dir in einem ruhigen Moment regelmäßig Dein „inneres Zimmer“ anzusehen. Gerade am Jahresende oder im Januar lohnt sich der ehrliche und auch schonungslose Blick zurück und nach Innen. Was schleppst Du noch Ballast mit dir herum? Welche Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen möchtest Du eigentlich nicht mehr mit ins neue Jahr tragen?
Vielleicht hast Du ja zum Jahreswechsel bereits bewusst diese Auseinandersetzung geführt und aparigraha in deinem Inneren walten lassen. Super! Du startest befreit und leicht ins neue Jahr!
Falls nicht, dann nimm Dir jetzt oder in den nächsten  Tagen den Raum und die Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Beispielsweise am Morgen oder Abend in einer Meditation, in der Du die Erlebnisse und Erfahrungen aus 2020 nochmal wahrnimmst und die damit verbundenen positiven wie auch die negativen Emotionen. Atme die schönen Erinnerungen tief in Dein Herz ein und bewahre sie dort um auch künftig davon zu zehren. Und atme die unbequemen, schmerzhaften oder belastenden Gefühle aus und lass sie über die Erde unter Dir abfließen.

Wenn du magst, kannst Du eine kleine Übung nutzen um den Prozess anzustoßen. Ich habe Sie Dir als Audio aufgenommen. Nimm Dir dafür ca. 10 min Zeit und zieh dich an einen ruhigen Ort zurück, wo Du bequem liegen kannst und ungestört bist. Lege Dir eine Decke bereit zur Unterstützung oder zum Warmhalten.

Wenn wir uns regelmäßig mit dem Yama aparigraha auseinandersetzen, wird uns bewusst, dass der größte Teil aller Dinge in unserem Geist unbrauchbar ist. Das gilt beispielsweise für Ärger, Hass, Eifersucht oder Unzufriedenheit. Wenn es Dir gelingt, Dich immer wieder von solchen belastenden Empfindungen zu befreien, dann kreierst du Raum für Positives, für Glück und Zufriedenheit.  

Wie für so vieles gilt auch hier: „Leichter gesagt als getan.“. Aparigraha ist für jede und jeden – auch für mich – ein herausfordernder und letztlich lebenslanger Prozess. Einer der mit dem Aushalten von tiefen Emotionen und deren Auswirkungen verbunden ist. Nein, auch wir Yogis und Yoginis schweben nicht jeden Tag glücklich und beseelt durch die Weltgeschichte! Das Ausmisten, die (Selbst-) Reflektion kann je nach Schweregrad des zu Verdauenden manches Mal eine Weile andauern. Mehr als nur eine Yogastunde oder eine Meditation lang. Aber jede Art von Sadhana, von yogischer Praxis, hilft uns auf dem Weg, das Loslassen zu fördern. Und aparigraha so Schritt für Schritt immer mehr in den Alltag zu integrieren.

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